Geschichte der Iglesia de Nuestra Señora de la Luz
Im Herzen der Isla Baja, direkt an der Plaza de la Luz, steht die blendend weiße Pfarrkirche von Los Silos, ein ruhiger, strahlender Fixpunkt zwischen Meer und Bananengärten. Ihr heutiges Gesicht mit neogotischer Schaufassade und hohem Mittelturm entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Gotteshaus selbst geht jedoch auf die Frühzeit des Ortes im 16. Jahrhundert zurück. Die Wurzeln der Kirche reichen in die Entstehungsphase der Siedlung zurück. Auf die erste Orts-Ermita folgte bald ein größerer Bau. Überliefert ist der Entschluss der Nachbarschaft, 1568 eine Kirche unter dem Patrozinium „Nuestra Señora de la Luz“ zu errichten. 1570 war sie im Wesentlichen fertiggestellt. 1605 wurde sie zur Pfarrkirche erhoben und von Buenavista del Norte abgetrennt, ein wichtiger Schritt für die Selbstständigkeit der jungen Gemeinde. Das heutige Erscheinungsbild prägt ein umfassender Umbau in den 1920er/30er-Jahren unter dem Architekten Mariano Estanga. Die Fassade wurde neogotisch überformt, mit einem hohen Mittelturm und flankierenden Pfeilertürmchen, am 8. September 1927 dem Festtag der Patronin, segnete man die neue Front. Eine Innenrenovierung führte zur Wiedereröffnung des Gotteshauses im Jahr 2001.
Architektur und Raumwirkung
Äußerlich besticht die Iglesia de Nuestra Señora de la Luz durch ihre helle, kalkweiße Hülle und die markante, symmetrisch aufgebaute Neogotik der Hauptfassade, ein spitzbogiges Portal, darüber übereinander gestaffelte Öffnungen und der spitze Helm des Mittelturms, die seitlichen Volumen bleiben bewusst niedriger. Im Inneren zeigt sich die kanarische Tradition, eine klare, einschiffige Anlage mit Querarmen und mehreren Seitenkapellen, gewachsen aus der älteren Ermita und späteren Erweiterung. Zwei historische Kapellen prägen den Grundriss, rechts die Kapelle der Barmherzigkeit (Capilla de la Misericordia), deren hölzernes Artesonado-Dachwerk mit achteckigem Aufbau und reich geschnitztem Mittelknauf ein seltenes Beispiel inseltypischer Zimmermannskunst ist, links die Kapelle des Heiligsten Herzens, schlichter mit par-y-nudillo-Dach. Beide fügen sich in die barocke Umbauphase des 17. Jahrhunderts ein.
Kunstschätze und Ausstattung
Im Zentrum steht das barocke Hauptretabel des 18. Jahrhunderts, das 2012 mit Unterstützung der Gemeinde sorgfältig restauriert wurde, seither leuchtet die Vergoldung wieder warm über dem Altarraum. Hinter dem Retabel verbirgt sich das vielleicht außergewöhnlichste Ausstattungsstück der ganzen Insel, ein großer, hölzerner Hebe-Mechanismus („torno“), der an die Pressen der alten Weinkeller erinnert und die Patronin jedes Jahr feierlich in ihr Camarín hebt, ein Unikat auf den Kanaren. Zu den bedeutenden Bildwerken zählt der barocke „Santísimo Cristo de la Misericordia“, der dem andalusischen Bildhauer Francisco de Ocampo zugeschrieben wird, ebenso der „Señor de la Humildad y la Paciencia“ und die Statue der Virgen de la Luz selbst, deren Verehrung die Identität des Ortes prägt. Ergänzt wird dies von qualitätvollen Leinwänden (u. a. eine Apoteose des hl. Dominikus und ein klassisches Ánimas-Bild), die die barocke Frömmigkeit der Gemeinde spiegeln. Auch der Kirchenschatz ist bemerkenswert. Er umfasst eine Renaissance-Prozessionskreuz aus der Zeit um 1580, eine prachtvolle, vermutlich in Mexiko gefertigte Kaiserkrone für die Patronin (um 1650), sowie weitere Silbergeräte und Stiftungen, die über die Verbindungen der Silenser nach Amerika in der Frühen Neuzeit in die Pfarrkirche gelangten. Bei großen Feiern trägt die Virgen diese historische Krone.
Legenden und Frömmigkeit
Der älteste Erzählfaden verknüpft die Entstehung der Verehrung mit der See. Der Überlieferung nach wurde die Marienfigur an der Küste, teils in der Nachbarbucht von Garachico verortet, von einem Fischer entdeckt und nach Los Silos gebracht, wo sie zur Schutzpatronin wurde. Das erklärt ihren Titel „Luz“ ebenso wie die starke maritime Prägung der lokalen Andacht.
September in Los Silos
Jedes Jahr im September feiert die Gemeinde ihre Patronin. Den Auftakt markiert am 6. September die „Elevación de la Virgen“. In nächtlicher Liturgie und Gesang wird die Statue über den historischen Torno langsam in ihr Camarín emporgehoben, ein Ritual, das als einzigartig auf Teneriffa gilt und als starke identitätsstiftende Geste bewahrt wird. Der 8. September ist der Haupttag mit Messe und Prozession, dazu kommen Konzerte, Folklore, Feuerwerk und Begegnungen auf der Plaza.
Besuchserlebnis
Wer die Kirche betritt, erlebt einen wohltuend stillen, lichtdurchfluteten Raum. Das Gold des Hauptaltars, das dunkle Holz der artesonados und die weiße Wandfläche bilden eine elegante Trias. Gönnen Sie sich Zeit, um Details zu entdecken: die Schnitzereien der Seitenkapellen, die barocken Gemälde, die feine Silberarbeit der Altargeräte. Bei geöffneter Sakristeitür lassen sich manchmal auch Blicke auf das Ensemble hinter dem Retabel erhaschen, ein Hinweis auf den verborgenen Torno und das außergewöhnliche Zusammenspiel von Technik und Andacht.
Fazit
Die Iglesia de Nuestra Señora de la Luz vereint die Geschichte eines Küstenortes, kanarische Handwerkskunst und lebendige Volksfrömmigkeit unter einem klaren, neogotischen Gewand. Wer Teneriffas Nordwesten erkundet, findet hier nicht nur ein schönes Fotomotiv, sondern ein Haus, in dem Kunst, Ritual und gelebter Glaube bis heute ineinandergreifen, besonders spürbar im September, wenn die „Luz“ auf ihren Thron steigt.